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Dokumentiert: Viele Fragen – und die „Antwort“ von Akzo Nobel


Erst geheime Exklusivitäts-Verhandlungen, dann plötzlich Forderungen zu Gunsten einer Drittfirma. Als die nicht akzeptiert wurden, ließ Akzo Nobel den Deal mit der Firma Ensutec platzen – und brachte ein eigenes Gerät auf den Markt, das den Airmatic-Geräten von Ensutec stark ähnelt. Das ist die Entstehungsgeschichte des „Paint Perform Air“, und sie verdient es, hinterfragt zu werden. Wir dokumentieren unser Vorgehen – und die „Antwort“ von Akzo Nobel im Wortlaut.

Das Logo von Akzo Nobel.
Das Logo von Akzo Nobel.

Im Juli 2018 schickte Akzo Nobel-Technikmanager Armin Dürr einen „Letter of Intent“ an die Ensutec Products GmbH: Man habe großes Interesse daran, die Airmatic-Geräte zu testen und dann „im Paket mit unseren Produkten zu vermarkten“, vielleicht sogar „weltweit“.

Im August 2018 unterzeichnete Armin Dürr eine Geheimhaltungsvereinbarung mit Ensutec. Danach begann Akzo Nobel in Deutschland und in der Schweiz, die Airmatic-Geräte zu testen.

Im November 2018 berichtete die AMAG-Autowelt in Dübendorf (Schweiz) an Akzo Nobel, dass bei den Tests „die Erwartungen zur Zufriedenheit“ erfüllt wurden.

AkzoNobel Paint PerformAir
Das Logo der Firma Ensutec Products GmbH.

Im Januar 2019 kündigte Armin Dürr bei einer Tagung in Karlsruhe vor Vertrieblern und Technikern an, dass man vom 1. April 2019 an die mit patentierter Technik ausgestatteten Airmatic-Geräte vertreiben wolle.

Mitte Februar 2019 bekommt Thomas Mayer von Akzo Nobel-Manager Dürr erstmals mitgeteilt, dass die Firma Sehon beteiligt werden soll.

Am 25. Februar 2019 ließ der Gerätehersteller Tiemo Sehon die Namen „Aircommander“ und „Applikationmanager“, unter denen er seit Jahren die Ensutec-Geräte vertrieb, beim Patentamt in München als Markennamen eintragen.

Nur wenige Tage später, Anfang März 2019, verlangte Akzo Nobel ultimativ von Ensutec, mit dem Lackgeräte-Hersteller Sehon eine Vereinbarung zu treffen: Man wolle dessen geschützte Markennamen für die Ensutec-Geräte benutzen. Sehon verlangte für jedes an Akzo Nobel verkaufte Gerät eine Provision in Höhe von zehn Prozent des Nettobetrags – in der Summe einen Millionenbetrag. Ensutec-Chef Thomas Mayer weigerte sich, auf diese Forderung einzugehen.

Im April 2019 brach Akzo Nobel die Verhandlungen mit Ensutec ab.

Im November 2019 stellte Akzo Nobel das Gerät „Paint Perform Air“ vor, das den Ensutec-Produkten in seiner Wirkweise auffallend identisch ist.

AkzoNobel Paint PerformAir
Das Logo des Geräts „Paint Perform Air“

Dazu hatten wir viele Fragen. Hier dokumentieren wir unser Vorgehen – und die Reaktionen.

Fragen zu Provisionen, zu Patenten, zum Verhaltenskodex…

Per Mail schickten wir unsere Fragen an Akzo Nobel in Stuttgart, namentlich u.a. an Geschäftsführer Benjamin Burkard und seinen Technik-Manager Armin Dürr. Wir wollten zum Beispiel wissen, warum Akzo Nobel erst kurz vor Vertragsunterzeichnung, als bereits alle kaufmännischen Zahlen festgezurrt waren, die Firma Ensutec mit hohen Kosten konfrontiert habe. Und warum die Firma Ensutec zugunsten eines unbeteiligten Dritten auf zehn Prozent ihrer Erlöse – in der Summe einen Millionenbetrag – verzichten sollte.

Eine Frage lautete: Können Sie eine nachvollziehbare Erklärung geben, warum Akzo Nobel die offenbar sehr bewährten Geräte von Ensutec erst in höchsten Tönen vor der eigenen Vertriebsmannschaft lobt, dann aber kurzfristig auf ein „sehr interessantes Geschäftsmodell“ (Dürr) verzichtet?

Eine andere Frage war: Bei Akzo Nobel ging man demnach davon aus, dass Ensutec auf zehn Prozent seiner Erlöse verzichten könne. Warum nutzte man derartige Überlegungen nicht bereits während der Verhandlungen, um ein für Akzo Nobel wesentlich besseres Ergebnis zu erzielen?

Und weitere Fragen lauteten: Ist ein solches Vorgehen, wonach Geschäftspartner einen Teil ihrer Erlöse aus Geschäften mit Akzo Nobel an unbeteiligte Drittfirmen abgeben müssen, bei Akzo Nobel üblich? Wenn ja: Wie viele Geschäftspartner mussten bereits derartige Provisionen zahlen? Wie hoch ist die Summe dieser Provisionszahlungen?

Zum Zeitpunkt unserer Fragen hatte Akzo Nobel sein neues Gerät „Paint Perform Air“ noch nicht vorgestellt. Wir hatten jedoch davon in einem Schweizer Online-Magazin gelesen und fragten nach, ob in dem neuen Gerät eine Technik eingebaut sei, die auf Patenten von Ensutec beruhe, ob man Patentrechtsverletzungen ausschließen könne etc.

Wir fragten schließlich auch nach dem grundsätzlichen Umgang von Akzo Nobel mit Vertragspartnern. Eine unserer Frage hierzu lautete: Akzo Nobel verlangt von seinen Geschäftspartnern die Unterzeichnung eines Verhaltenskodexes: Danach wird von Partnern erwartet, „dass Sie Ihre Geschäfte fair und mit Integrität durchführen“. Sie gehen demnach „keine Vereinbarungen ein und üben keine Praktiken aus, die eine einschränkende Wirkung auf Wettbewerber haben“… Entspricht das Vorgehen von Akzo Nobel im Fall Ensutec Ihren Vorstellungen von einem „fairen Wettbewerb“, der im „Verhaltenskodex für Geschäftspartner“ beschrieben wird?

Drei Wochen brauchte Akzo Nobel für die „Antwort“

Die Fragen wurden am 6. November abgeschickt, verbunden mit der Bitte um Antworten bis zum 15. November. Burkard und Dürr antworteten nicht.

Am 12. November meldete sich Julia Huss, die den Titel „Head of Communications North West Europe, Global Communications & Public Affairs“ trägt und in der Europa-Zentrale von Akzo Nobel in Amsterdam sitzt. Sie schrieb:

„Ich habe Ihre Anfrage weitergeleitet bekommen und gelesen. Derzeit klären wir intern den Sachverhalt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen gegenüber vor Abschluss dieses Prozesses keine Stellungnahme abgeben können.“

Am 21. November schrieb Frau Huss:

„Der Prozess zur Klärung des Sachverhalts ist intern noch nicht abgeschlossen und ich kann vor diesem Abschluss weiterhin keine Stellungnahme abgeben. Wir rechnen damit, uns im Laufe der nächsten Woche (KW 48) äußern zu können.“

Am 29. November – inzwischen waren mehr als drei Wochen vergangen – schickte Frau Huss die Stellungnahme von Akzo Nobel. Wir dokumentieren sie im vollen Wortlaut:

„Im Allgemeinen erkennen wir die in Ihrem Schreiben dargelegte Interpretation des Sachverhalts nicht an. Daher können wir Ihren Schlussfolgerungen nicht zustimmen oder sie bestätigen.

Es entspricht den Tatsachen, dass Akzo Nobel mit der Sehon GmbH „Sehon“ und der Ensutec Products GmbH „Ensutec“ in Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit war. Gegenüber Akzo Nobel stellten sich Sehon und Ensutec als Geschäftspartner vor. Das Geschäftsinteresse von Akzo Nobel richtete sich dabei auf das Produkt mit dem Namen „Application Manager“.

Anfang 2019 präsentierte Ensutec das Produkt an unseren Vertrieb für die DACH Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). Im Laufe unserer Gespräche wurde deutlich, dass es zwischen Ensutec und Sehon keine deutliche Abstimmung gab. Dies veranlasste Akzo Nobel die Gespräche mit Ensutec nicht weiter fortzusetzen.

Akzo Nobel hat einen strikten Verhaltenskodex und fordert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, sich daran zu halten. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Akzo Nobel werden regelmäßig in diesem Verhaltenskodex geschult, und es gibt ein System zu Meldungen zu Verstößen gegen den Verhaltenskodex.

Darüber hinaus respektiert Akzo Nobel die Rechte Dritter an geistigem Eigentum. Insbesondere haben wir keinen Grund zu der Annahme, dass die Patentrechte von Ensutec im Zusammenhang mit Akzo Nobels Produkteinführung „Paint Perform Air“ verletzt wurden.“

Am 2. Dezember schrieben wir die Konzernsprecherin nochmals an: Wir hätten keine Interpretationen vorgenommen, sondern nur Fragen gestellt. Dass Ensutec und Sehon Geschäftspartner seien und Akzo Nobel mit beiden Firmen in Gesprächen sei, sei in dieser allgemeinen Formulierung sicher unstrittig. Im konkreten Fall gehe es jedoch um Verhandlungen, die Akzo Nobel nach unserem Wissen und uns vorliegenden Dokumenten ausschließlich mit Ensutec geführt habe. Wir hätten auch nicht allgemein nach der Existenz eines Verhaltenskodexes gefragt: Wir wollten vielmehr wissen, ob ein solcher Kodex bei Akzo Nobel auch eingehalten werde, und wenn nicht, was dann passiere.

Am 4. Dezember antwortete die Konzernsprecherin, man erkenne „im Allgemeinen die in Ihrem Schreiben dargelegte Interpretation des Sachverhalts nicht an“. Zudem gebe es eine Geheimhaltungserklärung zwischen Ensutec und Akzo Nobel: „Dies verbietet uns Details mit unbeteiligten Dritten zu besprechen.“

Sodann kopierte sie die Stellungnahme vom 29. November in ihre Mail. Nur einen Satz formulierte sie ein wenig um:

„Von Anfang an war Akzo Nobel mit der Sehon GmbH und der Ensutec Products GmbH in Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit.“

„Von Anfang an“? Diese Information, sollte sie sich auf die abgebrochenen Verhandlungen zum geplanten exklusiven Vertrieb der Ensutec-Geräte beziehen, war jetzt neu! Sie klingt allerdings wenig glaubhaft: Denn wenn Sehon von Anfang an bei den Gesprächen dabei gewesen wäre: Warum wurden seine Provisionsforderungen nicht bereits von Anfang an oder zumindest im Verlauf der Verhandlungen besprochen? Warum wurden sie erst kurz vor Vertragsunterzeichnung ultimativ an den Ensutec-Chef herangetragen?

Wir fragten Thomas Mayer, ob es wahr sei, dass Sehon von Anfang an involviert war. Der Ensutec-Chef widersprach vehement: Bei den Verhandlungen, die sich über einige Monate hinzogen hätten, sei Sehon nie ein Thema gewesen. Er, Mayer, habe von den Provisionsforderungen erst erfahren, als der Vertrag bereits fertig ausgehandelt war.

Mayer verweist auf die Geheimhaltungsvereinbarung, die Akzo Nobel und Ensutec im August 2018 unterzeichnet hatten. Die Firma Sehon werde darin mit keinem Wort genannt, sagt er. In dem zweiseitigen Papier stünden nur zwei Firmennamen, die miteinander verhandeln wollten: AkzoNobel und Ensutec Products GmbH.


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